Fragmente eines versunkenen Berges

Santorini ist ein überschaubarer, ringförmig angeordneter Archipel im Ägäischen Meer. Gegenüber der sichelförmigen Hauptinsel Thira liegt das kleinere Eiland Thirasia. Zusammen mit dem unscheinbaren Felsen Aspronisi, der sich als winziger Punkt auf der lückenhaften Kreislinie zeigt, umringen sie Nea Kameni und Palea Kameni.

Bleistiftzeichnung, vom Flugzeug Blick durch das Kabinenfenste auf die Insel

Ihre Ufer werden von schmalen Streifen türkis schimmernder Wellen umspült. Gemeinsam wirken die fünf Inseln wie Bruchstücke eines zerrissenen Berges, dessen Spitze weggepustet wurde. Sie ragen aus der dunkelblauen See wie die Gipfel eines Felsmassivs aus seiner Wolkendecke.

Ein besonders beeindruckendes Erlebnis bietet die Ankunft mit der Fähre. Es ist eine Bootsfahrt in das Zentrum eines besiedelten Vulkans, einer Caldera. Der Weg zum Hafen Athinos führt an steil aufragenden, dreihundert Meter hohen Kraterwänden entlang.

An den oberen Klippenrändern strahlen kalkweiße Flächen einzelner Ortschaften wie Schnee. Der ursprüngliche Seefahrerort Apano Meria, das heutige Künstlerdorf Oia, breitet sich auf der Nordspitze Thiras aus.

Teile des Ortes sind in die Felsen hineingebaut. Der Blick auf die traditionellen Höhlenwohnungen lädt zum Träumen ein und inspiriert.

In Santorinis Gassen sind häufig Zeichner, Maler und Fotografen anzutreffen. Ihre Werke zeigen die ineinander verschachtelten Häuser, Gassen und Treppengänge.

Die Mauern hüllen sich in Weiß in unterschiedlichsten Schattierungen. Einige vom Regen verwaschene Stellen zeigen sich in einem dreckigen Weiß-Grau. Die hell gebliebenen Flächen fangen selbst im Schatten das Sonnenlicht ein.

Unterbrochen wird das allgegenwärtige Weiß durch das klare Dunkelblau der Kapellenkuppeln. Die wenigen blauen Farbtupfer stehen im Einklang mit dem tiefen Blau des Meerwassers und den im Hintergrund grau-blau aufragenden Kraterwänden. Diese Bilder laden ein, Santorini zu erleben.

Das klingt alles sehr spannend und einladend. Nachdem ich diesen Text geschrieben habe, wird es wohl langsam Zeit, dass ich diese Insel endlich auch mal besuche.

Wenn der Tag sich neigt und die Sonne langsam in das Meer sinkt, verändert sich die Insel ein weiteres Mal. Die weißen Häuser beginnen, die warmen Farben des Abends aufzunehmen. Zarte Rosé- und Goldtöne legen sich über Fassaden und Treppen, während die Schatten länger und weicher werden.

In Oia versammeln sich die Menschen an den Klippen, schweigend oder leise sprechend, als würden sie einem stillen Ritual folgen. Niemand möchte diesen Moment stören. Wenn die Sonne schließlich den Horizont berührt, scheint die Zeit für einen Augenblick stillzustehen.

Doch Santorini lebt nicht nur vom Licht, sondern auch vom Stein. Die dunklen Lavagesteine erzählen von der gewaltigen Kraft, die diese Landschaft einst geformt hat.

Zwischen schwarzer Erde und hellem Kalk entsteht ein Kontrast, der der Insel ihre besondere Tiefe verleiht.

Die Wege führen vorbei an kleinen Kapellen, deren Glocken im Wind leise erklingen. Oft sind es unscheinbare Orte, die den Blick festhalten: eine geöffnete Tür, ein blauer Fensterrahmen, eine Katze im Schatten.

Auch die Stille hat hier ihren Platz. Abseits der bekannten Orte gibt es Wege, auf denen nur das Zirpen der Grillen zu hören ist und das ferne Rauschen des Meeres.

Und immer wieder ist da das Meer. Es verändert seine Farbe mit dem Licht, mal tiefblau, fast schwarz, dann wieder hell und klar wie Glas.

Vielleicht liegt gerade darin die besondere Anziehung dieser Insel: in der Verbindung von Gegensätzen – Licht und Dunkel, Stille und Bewegung, Vergangenheit und Gegenwart.

Santorini ist kein Ort, den man einfach nur besucht. Es ist ein Ort, der nachwirkt.

© Wolfgang Lessat